Der gemeinsame Ausgangspunkt lag für die Mathe.Forscher in der Rhein-Neckar-Region im Studio der Villa Bosch, hoch über der Heidelberger Altstadt und dem Neckar, ganz in der Nähe der berühmten Schlossruine. Bis in die 1990er Jahre nahm hier der süddeutsche Rundfunk Hörspiele und Wissenschaftssendungen auf, bevor die Villa zum Sitz der Klaus Tschira Stiftung wurde. Bei der Auftaktveranstaltung der Mathe.Forscher Rhein-Neckar kamen Lehrkräfte der neun Schulen aus der Region mit Referenten und Vertretern der Bildungsverwaltungen und Stiftungen zusammen.

„Was Sie als Mathe.Forscher-Lehrer brauchen? Eine Portion Mut gehört auf jeden Fall auch dazu. Der Mut, neue Wege zu gehen und auch Unvorhersehbares auszuhalten.“ So stimmte Prof. Matthias Ludwig mit seinem Vortrag „Mathe.Forscher in der Praxis“ auf die nächsten beiden Programmjahre ein. Neben dem inhaltlichen Input ging es auch hier ums Kennenlernen: Als wissenschaftlicher Begleiter wird der Professor der Mathedidaktik, der an der Goethe-Universität Frankfurt lehrt, den Lehrkräften in Süddeutschland zur Seite stehen.

Konkrete Anregungen für die Unterrichtspraxis lieferte Matthias Ludwig nicht nur in seinem Vortrag, sondern auch in einem Workshop, in dem er unter dem Motto „Sportliche Mathematik“ zeigte, wie viel Mathe in Sport steckt. Die Verbindung der beiden Disziplinen bietet zahlreiche Ansatzpunkte in der Alltagswelt von Schülerinnen und Schülern: Anhand von Fußballstadien werden Ellipsen nachvollziehbar und Wahrscheinlichkeitsrechnung hilft beim Tippspiel zur nächsten Fußball-Weltmeisterschaft und im Lotto.

Rolle rückwärts im Klassenzimmer

Mit ganz anderen Methoden arbeitet sein Kollege Martin Kramer von der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. Der Mathedidaktiker ist auch Theaterpädagoge und begreift die Mathematik als Abenteuer. Wie sich der Schulalltag mit theaterpädagogischen Mitteln aufbrechen und gestalten lässt, testeten die Teilnehmenden in seinem Praxis-Input im Selbstversuch.

„Machen Sie sich bewusst, in welcher Rolle Lehrer und Schüler agieren. Wechseln Sie vom Spielleiter zum Begleiter und andersherum! So können Sie eingefahrene Unterrichtsmuster verändern und die Aufmerksamkeit der Schülerinnen und Schüler gewinnen“, erklärt Kramer. Spielerisch zeigte er, wie dabei die Mathematik nicht auf der Strecke bleibt: Mit Streichhölzern lassen sich lineare Gleichungssysteme haptisch und plastisch erfahren. Beim Thema Funktionen wird das Klassenzimmer zur Bühne: Kreppband bringt ein Koordinatensystem auf den Boden, Menschen werden zu Koordinatenpunkten.

Von Nord nach Süd

Wie die Schulen in der Rhein-Neckar-Region von den Erfahrungen der Schulen in Norddeutschland profitieren können, zeigt das Beispiel der Heinrich-Hertz-Stadtteilschule aus Hamburg. In einem Workshop gaben die Mathe.Forscher der Hamburger Schule ihr Konzept weiter, das sie für ihren Mathe-Kunst-Tag entwickelt haben. „In einem Bild steckt mehr, als auf den ersten Blick offensichtlich wird“, motiviert Jürgen Kowalewski die Teilnehmer. „In der konkreten Kunst betrachtet man die Leinwand zuerst aus mathematischer Perspektive, bevor das Konzept farblich umgesetzt wird.“

Die norddeutschen Mathe.Forscher regen mit ihrem Workshop nicht nur inhaltlich an. Sie haben auch reichlich Tipps und Tricks aus ihren ersten beiden Mathe.Forscher-Jahren im Gepäck. So zum Beispiel den Hinweis, in der eigenen Schule möglichst viele Kolleginnen in das Programm einzubeziehen und die Unterstützung der Prozessbegleitungen vor Ort zu nutzen.

Mathe.Forscher an den Schulen

In der Region Rhein-Neckar wollen acht Gymnasien und eine integrierte Gesamtschule mit Schülerzahlen von 270 bis zu 1600 in den nächsten beiden Jahren den Mathe.Forscher-Ansatz an ihrer Schule erproben. Jede dieser Schulen integriert das Programm ganz unterschiedlich in ihren Schulalltag. Das spiegeln bereits die ersten Planungen wider: Einige Lehrkräfte tragen die Mathe.Forscher-Idee zunächst in ihr Kollegium und setzen auf fächerübergreifende Vernetzung, um spannende Projekte möglich zu machen. Am Privatgymnasium Weinheim wurde eine AG gegründet, deren Schülerinnen und Schüler zu Mathe.Forscher-Botschaftern an der Schule werden und so die Mathe.Forscher in allen Klassen zum Thema machen.

Programmleiterin Melike Yar zieht nach dem Auftakt eine positive Bilanz: „Wir freuen uns, hier auf motivierte und engagierte Lehrerinnen und Lehrer zu treffen und sind gespannt, welche Wege die neuen Mathe.Forscher-Schulen gehen.“