„Ich hab‘ was entdeckt: Zwei Tetraeder ergeben einen Oktaeder“, freut sich Fernando. Oder etwa doch nicht? Zweifelnd vergleicht er sein eigenes Modell, das er mit kleinen Holzstäbchen und Knetmasse gebaut hat, mit den „Platonischen Körpern“ auf dem Bild der Künstlerin Rune Mields. So ganz gleich sehen die beiden Polyeder doch nicht aus. „Der Oktaeder hat sechs Ecken, die beiden Tetraeder zusammen nur fünf“, erkennt er das Problem und fängt an, sein Modell umzubauen. Der Viertklässler begegnet dem Polyedersatz in seinem Mathe.Forscher-Projekt zum ersten Mal und hat sofort verstanden, worauf es ankommt.

Rune Mields und ihre „Platonischen Körper“ sind eine der sechs Arbeitsstationen, die an der Grundschule an der Gete in Bremen aufgebaut sind. Etwa drei Wochen lang haben die Schülerinnen und Schüler die Aufgabe, in Werken von Künstlern wie Max Bill oder Eugen Jost die mathematischen Grundlagen zu entschlüsseln und dann nach dem erkannten Prinzip ein eigenes Werk zu erstellen. Manches – wie das magische Quadrat oder rechtwinklige Dreiecke – kennen sie schon, anderes – wie die Primzahlen oder der Polyedersatz – ist für die vierte Klasse neu.

Aber immer gilt es, Regelmäßigkeiten und Folgen zu erkennen und sie dann selbst umzusetzen. „Die Kinder lernen so, sich für ein Kunstwerk Zeit zu nehmen und sich darin zu vertiefen. Gleichzeitig merken sie, dass Mathe auch kreative Prozesse anstoßen kann und wie viel Spaß das macht. Trotzdem ist es mir wichtig, dass der mathematische Aspekt nicht auf der Strecke bleibt“, erklärt Klassenlehrerin Gundel Timm. Sie gibt deshalb kleine Tipps und Hilfestellungen, wenn die Schülerinnen und Schüler bei der Lösung der Aufgabenstellung feststecken.

Madita hat sich für das Bild „rot und blau quantengleich“ von Max Bill entschieden. Sie musste herausfinden, ob die verschiedenen roten und blauen Flächen jeweils gleich viel Platz auf dem Bild einnehmen. Ganz einfach war das nicht, aber am Ende bemerkte sie, dass man alle Farbfelder in rechtwinklige Dreiecke unterteilen kann – und so ihre Fläche berechenbar wird. „Im Unterricht hatte ich das mit dem rechten Winkel nicht richtig verstanden, aber jetzt kann ich es mir gut vorstellen“, freut sich die Schülerin. Nach der erfolgreichen Berechnung malt sie jetzt ihr eigenes Bild. Sie hat sich für die Farben Gelb und Lila entschieden. Die Schülerin legt aber noch auf einen anderen Unterschied großen Wert: „Bei meinem Bild findet man das nicht so leicht heraus.“

Anregungen für die Mathe-Kunst-Wochen holte sich Grundschulpädagogin Gundel Timm bei ihren Kollegen von der Heinrich-Hertz-Schule. Auf einer Mathe.Forscher-Fortbildung hatten die Hamburger ihren Mathe-Kunst-Tag vorgestellt. „Wir wollen das Mathe.Forscher-Programm nutzen, um auch für zukünftige Jahrgänge Projekte vorzubereiten und zu etablieren“, so Gundel Timm. Für die einzelnen Arbeitsstationen wurden deshalb Materialien wie laminierte Bilder und Karten angefertigt und Fachliteratur angeschafft, die ihre Kolleginnen und Kollegen weiternutzen können. Und noch eine Sache haben die beiden Mathe-Kunst-Projekte in Bremen und Hamburg gemeinsam: Beide Schulen präsentieren die Kunstwerke der Schülerinnen und Schüler in einer eigenen Ausstellung.